Stellungnahmen

 

 Stellungnahme zu „Männerwelten“ auf ProSieben

Am 13.05. strahlte ProSieben einen 15-minütigen Beitrag, den sich Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf im Rahmen von „Joko und Klaas gegen ProSieben“ erspielt hatten, aus, der ein für das Komiker-Duo ungewöhnliches Thema behandelte: Sexismus und sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Das Video wurde live von etwa zwei Millionen Menschen gesehen und mittlerweile online auch millionenfach geklickt. Das in Zusammenarbeit mit Terres des Femmes und von Sophie Passmann moderierte Segment nimmt Zuschauer*innen mit in die Ausstellung „Männerwelten“ in der verschiedene „Exponate“ – Dick Pics, die prominente Frauen ohne darum gebeten zu haben, erhalten hatten; übergriffige Chatverläufe, und sexistische Kommentare auf Social Media-Plattformen – gezeigt werden.

 Es ist sehr zu begrüßen, dass die Themen Sexismus und sexualisierte Gewalt gegen Frauen so für ein breites Prublikum thematisiert werden und anschaulich an Beispielen die Auswirkungen auf Frauen und die Absurdität, die die Duldung von Gewalt darstellt, aufgezeigt werden. Darüber hinaus offenbart das Segment in seiner dramatischen Gestaltung selbst vor allem eines: wie verwurzelt und alltäglich Sexismus in Deutschland ist. Denn alle Informationen, die in „Männerwelten“ transportiert werden – z.B. dass 58 % aller Frauen im Laufe ihres Lebens sexuelle Belästigung erleben, dass das Versenden von Dick Pics einen Straftatbestand darstellt oder, dass nur wenige Vergewaltigungen angezeigt werden – kann jeder und jede freizugänglich in kürzester Zeit über eine Googlesuche erlangen. Dass dieses Video viele Menschen trotzdem noch schockt – wie den Kommentaren auf Youtube zu entnehmen ist – legt offen wie normal und ungesehen alltägliche sexistische Gewalt gegen Frauen in Deutschland nach wie vor ist.

Als Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt ist auch die Information der Öffentlichkeit eine unserer Aufgaben. So wichtig und lobenswert „Männerwelten“ für das Starten eines öffentlichen Diskurses ist, möchten wir zusätzlich auch noch auf wichtige Aspekte hinweisen, die im Video nicht zur Sprache kamen und vielen Menschen weitgehend unbekannt sind: Frauen mit Behinderung(en) sind beispielsweise zwei bis drei mal häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als der Bevölkerungsdurchschnitt (Schröttle et al., 2012). Auch Women of Color und transgener Frauen sind von Sexismus und sexueller Belästigung wesentlich betroffen, bleiben aber vielfalch ungehört. Wir wünschen uns, dass auch die Stimmen dieser Personen in Zukunft vermehrt Gehör finden.

Das Auslassen eigener sexistischer Verhaltensweisen in Fernsehformaten von Joko & Klaas – wie z.B. in einer Ausgabe von „neoParadise“ aus dem Jahr 2012 – stellt aus unserer Sicht ein bedauernswertes Versäumnis dar. In einer der Sendungen fasste Joko einer Messehostess auf Aufforderung von Klaas im Rahmen eines Mutproben-Spiels an Brust und Hintern, was von Klass zusätzlich noch auf unangebrachte Weise kommentiert wurde („Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird die schön heulen unter der Dusche“). Es folgte damals eine öffentliche Entschuldigung, doch wäre eine Thematisierung im Rahmen der „Männerwelten“-Ausstellung zusätzlich sehr gewinnbringend gewesen. Denn gerade die Auseinandersetzung und ein offener Umgang mit dem eigenen Verhalten stellen einen guten Anfangspunkt für die Prävention und Reduktion von sexualisierter Gewalt dar. Eine solche Darstellung hätte Zuschauer*innen auch einen Einblick in die Welt der Täter*innenseite geben können, und wir alle hätten sehen können, dass Täter*innen eben nicht wie das Format annehmen lässt, vorrangig „böse“ und meist fremde Unmenschen mit fehlendem Moralverständnis, die keine*r von uns im eigenen Freundeskreis finden würden, sondern Nachbar*innen, Freund*innen, Eltern und auch Fachkräfte sind. Genau diese fehlende Auseinandersetzung mit der Täter*innenperspektive in „Männerwelten“ führt dazu, dass das Format trotz sehr guter Ansatzpunkte die Alltäglichkeit von Sexismus und Belästigung einem kleinen Teil der Männer zuschreibt, ohne aufzuzeigen wie verwurzelt sexistisches Denken und Handeln in uns allen ist. Denn letztlich muss die Arbeit an der Reduktion von sexualisierter Gewalt bei uns selbst, unseren Haltungen und unserem Verständnis von Grenzen beginnen.

Hagen, 18.05.2020

Im Zuge solch viraler Diskussionen vertrauen sich Betroffene oftmals häufiger ihrem Umfeld an. Deshalb finden Sie hier Tipps, die Ihnen im Umgang mit den Themen Sexismus und sexualisierte Gewalt helfen können:

10 Tipps zum Umgang mit Betroffenen

Hören Sie ruhig zu und schenken Sie Glauben!

Loben Sie die Person, dass Sie den Mut gefunden hat, sich Ihnen anzuvertrauen. Denn sie hat in der Regel intensive Gefühle der Scham, Schuld und Machtlosigkeit dafür überwinden müssen.

Verurteilen Sie die Tat eindeutig, nicht aber den/die Täter*in! (Falls es ein Familienangehöriger, Freund*innen oder andere Personen waren, die der betroffenen Person nahestehen, ist diese oft in einem Loyalitätsgefühl und verabscheut die Tat, aber mag die Person vielleicht noch)

Drängen Sie die Person nicht zur Anzeige! Eine Anzeige kann je nach konkreter Straftat dazu führen, dass Betroffene auch gegen ihren Willen aussagen müssen, wenn es sich um ein Offizialdelikt handelt (z.B. sex. Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung). So eine Entscheidung sollte wohlüberlegt sein, besonders wenn die Tat schon länger in der Vergangenheit liegt.

Bieten Sie der Person Unterstützung dabei ein passendes Hilfsangebot zu finden oder Kontakt zu einer Beratungsstelle herzustellen, wenn diese das möchte.

Bieten Sie Hilfe an, die Sie auch leisten können (z.B. zuhören oder zu Beratungsstelle oder Polizei begleiten.

Auch Sie dürfen sich Unterstützung holen! Wenn es Ihnen zu viel wird, ist es in Ordnung zu sagen, dass Sie damit nicht gut umgehen können und selbst mit jemandem reden müssen (z.B. in einer Beratungsstelle oder Hilfehotline)

Versprechen Sie nichts, das Sie nicht halten können! (z.B. gar niemanden davon zu erzählen)

Wahrscheinlich sind Sie selbst erstmal wütend und fassungslos und haben das Gefühl schnell handeln zu müssen: Bewahren Sie Ruhe, denn meistens geht es eher ums Zuhören und nicht sofort um weitere Handlungsschritte!

Tun Sie nichts heimlich hinter dem Rücken der betroffenen Person. Sie hat durch die Tat schon einen großen Kontrollverlust erlebt und braucht nun Sicherheit und Verlässlichkeit. Deshalb: Sprechen Sie weitere Schritte mit ihr ab und informieren Sie sie über Entscheidungen, die Sie selbst treffen (z.B. wenn Sie sich selbst Unterstützung holen oder mit jemandem sprechen wollen)

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9.00 bis 12.00 Uhr

mittwochs
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Persönliche Termine nach Vereinbarung.

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